Zeitungsartikel Winsener Anzeiger, 24. Dezember 2021

Vielfalt und Veränderung: Die Winsener Künstlerin Stephanie Hüllmann hält den Wandel der Welt in ihren Werken fest – mit Nadel und Faden

Ihre Werke sind zumeist rund und bunt. Sie bestehen manchmal aus tausenden Einzelteilen. Und jedes dieser Einzelteile ist auf die Leinwand genäht. Mit viel Liebe zum Detail geht die Winsener Künstlerin Stephanie Hüllmann in mühseliger Kleinarbeit daran, wenn sie ein neues Bild erschafft. Der Winsener Anzeiger sprach mit der gebürtigen Göttingerin über ihr Leben, Ihre Kunst und einen Podcast

Ihr Thema sei der Wandel, sagt Stephanie Hüllmann. Und im Gespräch wird sehr schnell deutlich, dass sie den Wandel nicht nur in ihrer Kunst darstellt, sondern sie selbst – ihr Leben – ist der Wandel. Sie studierte Anglistik mit Schwerpunkt USA und Romanistik mit Schwerpunkt Spanien – und BWL. „Das hört sich komisch an. Da einfach der Kopf eingesetzt, die Vernunft“, erklärt die ehemalige Weltenbummlerin, die sich zu ihren anderen Studiengängen passenderweise einige Zeit in Kalifornien und Spanien aufhielt.

„Ich fragte mich, was willst du später mal machen?“ Professoren haben ihr von dieser Mischung abgeraten, das sei „nicht Fisch, nicht Fleisch“, doch Stephanie Hüllmann berichtet von positiver Resonanz: „Aufgrund meines breiten Horizonts habe ich viele Stellen bekommen.“ Auch jetzt ist sie noch in einer Festanstellung, begeht momentan jedoch ein sogenanntes Sabbatjahr.

„Ich wollte einfach mal austesten, wie das als Künstlerin in Vollzeit ist. Ob das wirklich so cool ist.“ Sie macht eine kurze Pause, doch dann platzt es aus ihr heraus: „Ja, ist es!“

Die Kunst als stetiger Begleiter

Nach dem Studium reiste die heutige 56-Jährige nach Japan. Es sollte ein Trip für fünf Monate sein. „Daraus sind dann acht Jahre geworden“, sagt sie und lacht. Das Land sei einfach unglaublich schön. Als sie nach Deutschland zurückkehrte, hatte sie ihre Tochter dabei. Danach lerne sie ihren Mann kennen, mit dem sie nun seit fünf Jahren in der Luhestadt lebt. Über all ihre Stationen, den gesamten Wandel ihres Lebens, sei die Kunst ein stetiger Begleiter gewesen. „Als Kind habe ich schon immer Dinge aus der Natur gesammelt, sortiert und angeordnet. Heute ist das natürlich ein ganz anderes Niveau“, beschreibt sie ihre eigene Entwicklung.

Dieses Niveau spiegelt sich in den Bildern wieder, die in ihrem Haus die Wände zieren. Dort sind Blätter, Metallteile, Muscheln und auch Müll verarbeitet. Es sind zum Teil winzig Elemente, jedes einzelne von Hand eingenäht. Eine besondere Hausforderung seine die rund 2000 Schneckenhäuser gewesen, die ein Leinwand im Flur schmücken. Ein Vierteljahr habe sie gebraucht, um alle glatten Schälchen mit den dünnen Fäden zu fixieren. „Wenn man die Schneckenhäuser einzeln betrachtet, mag kein Unterschied erkennbar sein, doch wenn sie alle nebeneinander sind, gibt es hunderttausend Abweichungen in Krümmung und Färbung“, kommentiert Stephanie Hüllmann ihre Arbeit. Sie sehe dort die Umwelt-Misere der Menschen, die oft unfähig seien, die Vielfalt der Natur zu sehen. „Man kann nur wertschätzen, was man kennt.“

Zeitungsartikel Winsener Anzeiger, 24. Dezember 2021

Schnipsel aus mehr als 100 Jahren

Was die Künstlerin meint, wird noch deutlicher bei einem Werk mit Namen „Ein Tag am Strand“. „Hier habe ich an einem Ostseestrand einen Tag lang alles gesammelt, was ich finden konnte nun nebeneinander gelegt“, beschreibt Stephanie Hüllmann das Bild. Es sind Muscheln, Steine und kleine Holzteilchen zu entdecken, aber auch Draht, Plastikschnipsel diverser Verpackungen und sogar eine Platine. Der Kreis, in dem alles angeordnet ist, ist leicht nach rechts verschoben und somit nicht ganz im Rahmen. „Das habe ich gemacht, weil ich es so verrückt finde, was ich dort gesammelt habe.“

Ein weiterer wirklich farbenprächtiger Zirkel besteht aus Schnipseln übereinander liegender Schichten aus Wandfarbe und alter Zeitungen. Sie stammen aus den ehemaligen Beelitzer Lungenheilstätten in Brandenburg. Über allem schwebt wieder der Wandel: „Die älteste Farbschicht ist über 100 Jahre alt und die jüngste ist gesprühtes Graffiti“, zeigt Stephanie Hüllmann auf. Auch die Zeitungen stammen teilweise aus dem Kaiserreich, spätere Exemplare aus der Sowjetunion. „Die russischen Soldaten hatten die Zeitungsblätter als Dämmmaterial genutzt.“ In der Mitte des Bildnisses sind leere*Koffeinkapseln eingegliedert, die aufzeigen, was den Besatzungstruppen vom eigenen Dienstherren abverlangt wurde.

Ein Podcast zum Thema Kunst

Mit einer befreundeten Fotografin betreibt Stephanie Hüllmann auch einen Podcast mit dem Titel „Atelier-Talk“. Dort geht es vorrangig darum, was Kunst ist – und so kommen auch Gäste in jede zweite Folge. Für die Winsener Künstlerin ist klar: „Jeder, der etwas mit Begeisterung und voller Hingabe macht und den das zu einem glücklicheren Menschen macht, kann Künstler sein.“ Und das ist wichtig, denn: „Glückliche und zufriedene Menschen gehen mit anderen besser um.“

*Anm.: die Koffeinkapseln sind tatsächlich voll gefunden worden, hier ein Detail-Foto:

Koffeinampullen, Beelitz Heilstätten, Assemblage